Anders Breivik: Neonazi, Zionist oder Psychopath? Was vom norwegischen Attentäter bleibt

Vor rund einem Jahr, am 22. Juli 2011, tötete Anders Breivik 77 Menschen in Norwegens Haupstadt Oslo und auf der Insel Utoya. Vor elf Tagen, am 24. August 2012, wurde der Attentäter zu 21 Jahren Gefängnis mit anschließender Sicherheitsverwahrung verurteilt. Seitdem ist es still um Anders Breivik geworden. Doch wie wird der Norweger im Gedächtnis der Menschen bleiben? Breivik der Neonazi, der Zionist oder der Psychopath?

Welch Geistes Kind ist Breivik?

Es ist keine Besonderheit, dass sich eine politische Szene von ihren Problemkindern distanziert. Die französische Revolution fraß bekanntlich ihre Kinder, die bundesdeutsche Linke ging auf Abstand zur Methodik der RAF und jüngst verurteilte der Chef des deutsch-arabischen Zentrums einen islamistisch motivierten Angriff auf einen Berliner Rabbiner. Doch wer sollte sich von Anders Breivik distanzieren? Welch Geistes Kind ist der Attentäter?

Während Maximilien Robespierre, Ulrike Meinhof und der Berliner Rabbi-Schläger jeweils Erzeugnis der französischen Revolution, der 68er Linken und des muslimischen Glaubens waren bzw. sind, lässt sich Breivik nicht so leicht in eine Schubladen stecken. Wo sollte man deshalb anklopfen, wenn man nach der Adresse der geistigen Heimat eines Anders Breivik sucht?

Breivik der Neonazi?

Für den bundesrepublikanischen Mainstream ist diese Frage leicht zu beantworten. Breivik sei ein Neonazi, mindestens ein Rechtsextremist. Wer ein Massaker an einer sozialdemokratischen Jugendorganisation verübt, für den bleibe ja nichts anderes übrig, als in die Schublade „Rechts – Unterordnung Extrem“ eingeordnet zu werden. Selten hat man in den vergangen 365 Tagen Berichterstattung über Breivik eine andere Bezeichnung gefunden als Rechtsextremist, vereinzelt auch mal die Variante „konservativer Fundamentalist“. Die Einteilung in diese politische Kategorie hat auch die Wikipedia-Community für sich als die korrekte gefunden, lässt sie schon im ersten Satz ihres Anders-Breivik-Eintrags den Norweger einen „rechtsextremistischen Massenmörder“ heißen. Damit wäre dann auch die Frage geklärt, welch Geistes Kind Breivik ist und so wird wohl der Attentäter auch im kollektiven Gedächtnis bleiben: Nämlich als Rechtsextremer. Seltsam nur, dass die rechte Bewegung in Europa und Deutschland so gar nichts mit den Vorstellungen des klassifizierten Rechtsextremisten anfangen kann. Wie schon festgestellt, wäre eine Distanzierung einer politischen Bewegung von ihren Problemkindern nichts Neues. Aber nach der Distanzierung folgt in aller Regel die Relativierung. Für die Linke war es etwa ein beliebtes Rechtsfertigungsmuster, die Morde der RAF als Ausdruck derer politischer Verzweiflung aussehen zu lassen. Wer aber bei den Rechten nach entschuldigenden Sätzen für Breiviks Tat sucht, bekommt eine Fehlanzeige. So ist auf Altermedia, ein bei europäischen Neonationalsozialisten beliebtes Forum, die Rede von Breivik, dem „Zion-Hilfsjuden“. Eines der führenden Blätter der deutschen Rechten, die National-Zeitung, tituliert Breivik „Massenmörder“ und die NPD nennt den angeblichen Rechtsextremisten einen „Killer-Freimaurer“. So der NPD-Kreiverband Leipzig auf seiner Netzseite. Breivik besaß einen Meistergrad in der freimaurerischen St. Johannes-Loge. Doch wenn Breivik kein Rechtsextremist ist, was ist er dann?

Breivik der Zionist?

Wer durch Breiviks 1500 Seiten langes Manifest „2083 Eine europäische Unabhängigkeitserklärung“ schaut, dem fällt ein geradezu aufgeblähter Kult um den Staat Israel auf. Der jüdische Staat sei ein „Bollwerk gegen den Islam“. Kapitellang erfreut sich Breivik an den Kriegen des modernen Israels gegen muslimische Staaten, wie dem Libanon oder die Palästinenser. Ganz explizit verdammt Breivik auch den „rechtsradikalen Traditionalismus“, der einig in seinem „Antijudaismus“ sei. Als Vorbild dient Breivik niemand Geringerer als Winston Churchill und „wenn es eine Persönlichkeit gibt“, so Breivik wörtlich, „die ich hassen, dann ist das Adolf Hitler.“ Das sind bemerkenswerte Ansichten eines angeblich Rechtsextremen und machen, wie die gesamte Intension seines Manifestes klar, welche Weltsicht dem Attentäter zu Eigen ist: Eine pro-israelische, geradezu zionistische Einstellung, gepaart mit einem Hass auf Nationalsozialismus und Islam.

Breivik der Psychopath?

Heftig umstritten vor Gericht galt die Zurechnungsfähigkeit des Angeklagten. Das Urteil der Osloer Richter lautete auf zurechnungsfähig. Deutliche Indizien sprachen für eine geistige Störung des Angeklagten, die zu der Unzurechnungsfähigkeit seiner Taten geführt hätten. Breivik selber wollte für zurechnungsfähig erklärt werden und für seine Morde ins Gefängnis. Es stellt sich die Frage, kann ein Verrückter überhaupt eine Weltanschauung besitzen? Ist ein Psychopath nicht genauso ernst zu nehmen, wie ein Volltrunkener? Zurechnungsfähigkeit, auch Schuldfähigkeit genannt, besitzt ein Täter nicht, wenn er infolge einer krankhaften seelischen Störung nicht in der Lage war, das Unrecht seiner Tat einzusehen. Die Frage, ob Breivik schuldfähig war oder nicht, beschränkte sich also nur auf sein Attentat. Die andere Frage, ob Breivik ein Psychopath ist, ist davon also nur beschränkt abhängig. Und ein Psychopath kann weder links, noch rechts, weder konservativer Fundamentalist, noch Neonazi sein. Genauso wenig kann ein drei Jahre altes Kind von sich behaupten, Rechtsextremist zu sein. Psychopathen leben in einer Wahnvorstellung und haben keinen Bezug zur Realität und damit auch keine politische Weltanschauung. Breivik landete schon mit vier Jahren kurzzeitig in der Psychiatrie. Während des Prozesses behauptete der Angeklagte, Offizier eines europaweit vernetzten Ordnens der Tempelritter zu sein. Das erste gerichtliche Gutachten bescheinigte Breivik schizophrene Paranoia. Das zweite eine mindestens gestörte Persönlichkeit. Die Staatsanwaltschaft forderte in ihrem Abschlussplädoyer die Einweisung Breiviks in eine geschlossene Anstalt und nicht ins Gefängnis. Inwiefern die Richter von der Forderung der Öffentlichkeit nach Gefängnis für Breivik, statt Einweisung in eine psychiatrische Anstalt beeinflusst waren und die Frage, ob der Attentäter ein Psychopath im medizinischen Sinne ist, kann letztendlich nicht vollständig geklärt werden.

Was bleibt?

Was bleibt von Anders Breivik sind viele Fragezeichen und die schlichte Einsicht, was Breivik mit Sicherheit war: Ein wahnsinniger Massenmörder.

PJ

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Artikel veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s